ARGE Heimatforschung

Heimatmuseum Rother Hof Pottendorf

Erinnerungen

Zitiert aus dem Heft der Sonderausstellung im Rothen Hof:
DIE POTTENDORFER SPINNEREI 1801 – 1976: Aufstieg – Glanz – Ende
(erhältlich im Heimatmuseum Rother Hof)

Erinnerungen an „die Spinnerei“
von Inge Weinberger-Graf
„Für wen machen wir die Spinnerei-Ausstellung eigentlich? Wen interessiert denn das schon?“ So fragten sich eines Tages die Gestalter dieser Ausstellung – wohl ein bisschen mutlos geworden angesichts der Fülle ungeordneten Materials. Ihnen will ich mit meiner „Spinnerei-Geschichte“ antworten, und ich hoffe, sie ist stellvertretend für viele.
Der Vater meiner Mutter – also mein Großvater – kam mit seinem Bruder bald nach 1900 aus Mähren, einem beliebten Arbeitereinzugsgebiet der Monarchie, nach Pottendorf und fand hier eine Anstellung als „Packmeister“, die er bis zu seinem Tod 1940 innehatte. Neben dem Arbeitsplatz aber war für ihn das Allerwichtigste die kleine Werkswohnung im Haus Hennebergplatz 2, dem sogenannten „Beamtenhaus“, die man unter allen Umständen halten musste. Es war klar, dass eine der beiden Töchter in das Büro der Spinnerei einzutreten hatte. Als die junge Frau 1939 um die Erlaubnis bat, den Ehemann mit in die elterliche Wohnung (Zimmer, Küche, Kabinett) nehmen zu dürfen, antwortete der damalige Direktor: „Dann muss er bei uns eintreten, das Wohnrecht geht über den Mann“. Also gab mein Vater eine gute Stellung als Vertreter auf und begann in der Spinnerei, wo schon sein Bruder, später dessen Sohn und dann auch noch eine Schwester sowie weitere entfernte Verwandte arbeiteten. Er war angestellt als Werkmeister bis zu seiner Pen­sionierung 1975. Die Spinnerei war für uns alle – und für viele andere Familien über Generationen hinweg – der allmächtige Arbeitgeber und Versorger.
Das Bombardement am 30. Mai 1944 bedeutete für die Fabrik und ihre Beschäftigten die Katastrophe. Ich war damals gerade drei Jahre alt, und meine frühesten Erinnerungen betreffen dieses Bombardement. Massen von Menschen, so auch meine Großmutter, meine Mutter und ich hatten sich vor den Bombenangriffen – angekündigt durch Sirenengeheul – in den Luftschutzkeller der Fabrik geflüchtet. Ich sehe einen riesigen niedrigen Saal mit langen Tischen und vollbesetzten Bänken vor mir, das Licht ist ausgefallen. Da wird es plötzlich an einer Stirnwand des Saales hell vom Tageslicht, alle Menschen sind in Aufregung und wollen hinaus. – Wie ich später erfahren habe, ist der ganze linke Flügel der Spinnerei von Bomben getroffen worden, das Tageslicht konnte durch eingestürzte Wände in den Schutzraum gelangen. Auch die glimmenden Baumwollhaufen auf den Treppenabsätzen auf dem Weg ins Freie sehe ich noch vor mir.
Dennoch suchten wir bei Fliegeralarm immer wieder den Fabrikskeller auf, seit August 1944 mit meiner kleinen Schwester in einer Art Fleischhauertasche, die meine Mutter genäht hatte. Die Decke des Kellers hielt auch den schweren herabstürzenden Maschinen stand.
Durch Zusammenarbeit aller verfügbaren Arbeitskräfte konnte im Restgebäude in kürzester Zeit die Produktion wieder aufgenommen werden. Irgendwie scheint es mir heute wie ein Wunder, dass keines der Fabrikswohnhäu- ser von Bomben getroffen worden ist. Zumindest hatten ihre Bewohner, trotz der Einquartierung von Russen in den Wohnungen, das Notwendigste gerettet. Die Russen galten im übrigen als besonders kinderliebend – einer zeichnete sogar ein Porträt von mir -, doch einmal „entführten“ sie meine kleine Schwester im Kinderwagen – die Großmutter war eingeschlafen – und fuhren mit ihr in der Esterhazystraße spazieren – zum Entsetzen meiner Mutter.
In der Nachkriegszeit war es wieder die Spinnerei, die vielen eine Existenzmöglichkeit bot. Sie gab Arbeit und Wohnung, die ein Teil des Lohns war. Eine Anstellung brachte aber auch noch andere Vorteile, die v.a. in dieser Zeit, wo es an allem fehlte, von besonderer Bedeutung waren. Ein Teil der Entlohnung bestand in einem Kontingent an Brennmaterial. Holz konnte man von den zerlegten Baumwollkisten haben Die Baumwollgarnreste auf den Spulen musste man zwar mühsam ablösen, sie konnten aber von den Frauen zu (von uns Kindern wegen ihrer Härte gehassten) Unterwäsche verstrickt werden. Die billige „Webe“ im Fabriksverkauf wurde für alles und jedes verarbeitet. So kamen auch die Spinnereiarbeiter in den Genuss der damals als Qualitätsbegriff gehandelten „Pottendorfer Baumwolle“. Die kleinen Schrebergärten links und rechts der Esterhäzy-Straße dienten der Gemüseproduk- tion, und Hasen und Hühner hielt man in den selbstgebauten Ställen in einem eigenen Hofteil der Fabrikshäuser. Ein reger Tauschhandel mit Gemüse, Obst, Eiern, Fleisch sicherte während der schwierigen öOer-Jahre die Nahversorgung.
Für die Arbeiter und Angestellten gab es auch eine Werksküche. Mein Vater – seine Sparsamkeit war ortsbekannt – überließ seine Mahlzeit aber der Familie, und so holte ich sein Essen mit der sog. Menagedose ab. Noch heute sehe ich den Schweinsbraten mit heurigen Petersilkartoffeln in würzigem Bratensaft vor mir. Ich glaube, nie wieder hat mir ein Schweinsbraten so gut geschmeckt wie der von der Frau Fink!
Die Spinnerei regelte auch den Tagesablauf in allen Spinnereihäusern. Drei Schichten von 6h – 14h, von 14h – 22h, von 22h – 6h bestimmten die wöchentlich wechselnde Anwesenheit von Müttern und Vätern. Mit der Sirene um 14 Uhr öffneten sich die Fabrikstore, Massen von Arbeitern und Arbeite- rinnen in den blauen Schlosseranzügen und Schürzen ergossen sich über die Esterhäzy-Straße und verteilten sich in die Nebengassen.
Für viele Kinder hieß das auch: „Jetzt ist Schluss mit Jubel, der Papa kommt heim! Essen gehen!“.
Erst heute wird mir die besondere Wohn- und Lebenssituation in den Fabrikshäusern wie Hennebergplatz, „grauem“ und „langem“ Haus bewusst. Ich hatte als Kind immer das Gefühl, in einem eigenen Ortsteil, fast einer eigenen Welt zu leben. Da gab es einmal die Fabriksleute und dann die anderen Leute im Ort. Es hieß auch immer: „Geh oder fahr in den Ort und hol Milch“ z.B. So als würden wir außerhalb wohnen. Heute denke ich, dass dieses Gefühl zur Zeit der Gründung der Fabrik und der Werkswohnungen noch wesentlich ausgeprägter und nicht immer freundlich gewesen sein muss. Wir lebten auch irgendwie unter anderen Bedingungen als andere Leute. Zum einen gab es ja außer den Spinnereihäusern in Pottendorf keine großen Wohnblocks und zum anderen hatten alle Bewohner den gleichen Arbeitgeber und daher den gleichen Tagesrhythmus. Es gab immer viele Kinder aller Altersklassen in unserem Haus. Uns gehörte der große Hof, ohne ein Halmchen Gras, aber mit zahlreichen Spielkameraden. Und kaum jemand regte sich auf über den Lärm, den wir zweifellos produziert haben. Allerdings spürten wir sehr wohl, dass nicht alle „gleich“ waren: die Position in der Fabrik wurde auch ins Privatleben übertragen. Wir Kinder konnten weder den Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten verstehen, noch begreifen, warum nicht alle Kinder auch aus den anderen Häusern in den großen Hofgärten der Vorgesetzten spielen oder auf dem Weg zum Bahnhof die Abkürzung durchs Fabriksgelände nehmen durften. Und der Maiumzug der Roten Falken war nur den Arbeiterkindern vorbehalten, die wir auf ihren geschmückten Fahrrädern vom Fenster aus glühend beneideten. Auch auf den Kindermaskenball, an dem unsere phantasievoll verkleideten, oft mit Preisen ausgezeichneten Spielkameraden teilnahmen, „gehörten wir nicht hin“.
Wo aber alle Kinder von Angestellten und Arbeitern ihren Platz hatten, das war die Spinnerei-Weihnachtsfeier Sie fand in der Vigogne statt, einer riesigen Maschinenhalle neben dem Hauptgebäude. Heute werden für künstlerische „Events“ Remisen und alte Fabrikshallen wiederentdeckt – in den 50er- und 60er- Jahren hatten wir das alles schon: Im breiten Mittelgang zwischen unheimlichen schwarzen Maschinenungetümen erstreckte sich die lange, mit weißem Papier bespannte Festtafel für uns Kinder. Erster Programmpunkt war das Kasperltheater, das die Büroangestellten (darunter meine mit besonders eindrucksvoller tiefer Stimme begabte Tante) für uns veranstalteten. Nach dem obligaten Gedicht eines Kindes für den Herrn Direktor gab’s Essen: Würstel, Kakao und Gugelhupf, Delikatessen für uns!
Dann kam das Wichtigste: Jedes Kind erhielt ein Geschenk – ein Stück Webe für ein neues Kleidchen oder eine selbstgenähte Puppe – und: einen Karton mit Christbaumbehang – in buntes Stanniol gewickelte Schokolade und Fondant-Ringerl. So etwas hätte sich damals kaum jemand leisten können, und diese Schachtel garantierte jedes Jahr den festlichsten Christbaum! Für alle, mit denen ich gesprochen habe, zählt diese Erinnerung zum festen Bestand dessen, was die Spinnerei einmal für sie war!
Um nicht missverstanden zu werden: Ich möchte nicht einer „guten, alten Zeit“ nachtrauern. Noch sehe ich die abgearbeiteten, früh gealterten Gesichter der Arbeiter und Arbeiterinnen – auch das meines Vaters – nach der 8- Stunden-Schicht vor mir, und das an sechs Tagen in der Woche! Zu Schichtbeginn hetzten immer wieder Zuspätkommende durch das Fabrikstor. Die unerbittliche Stechuhr neben der Portierloge hat nicht nur mir Angst eingejagt. Der ohrenbetäubende Lärm in den Werkshallen, die ich ab und zu zu durchqueren hatte, um etwas nachzubringen, war kaum zu ertragen, und an diesen Maschinen mussten die Arbeiter und Arbeiterinnen acht Stunden stehen! Immer wieder erzählte mein Vater von Arbeitsunfällen. In meiner Phantasie gab es die schrecklichsten Bilder, wie jemand „in die Maschine gekommen ist“.
Auch das Gespenst, „abgebaut zu werden“ ging in den letzten Jahren immer häufiger um. Zwar war meine Familie davon nicht direkt betroffen, doch litt mein Vater immer unter dem Verlust „seiner“ Arbeiterinnen. Die in den 70er- Jahren häufiger werdenden Betriebsumstellungen und -Verlagerungen, die Produktionsumstellung auf Chemiefasern verstärkten die innerbetrieblichen Spannungen und verschlechterten das Arbeitsklima. Etliche gute Leute wechselten nach Felixdorf. Das Ende der Spinnerei zeichnete sich ab. 1976, ein Jahr nach der Pensionierung meines Vaters, scnloss „die Fabrik“ ihre Pforten.
Seither träumt die Spinnerei einen Dornröschenschlaf, aus dem sie kein Prinz mehr erwecken kann, und die Unkrauthecke um die Schlafende wird immer höher und undurchdringlicher. Vom Gangfenster des ersten Stocks im Haus Hennebergplatz 2 kann man den architektektonisch beeindruckenden Torso daliegen sehen, mit erblindeten Fenstern und der magischen Inschrift „GEGRÜNDET 1801“ im Giebelfeld.
Zurück zur Frage des Anfangs: „Wen interessiert die Ausstellung schon?“
Jetzt möchte ich sie beantworten: Uns alle interessiert sie, deren Leben viele Jahrzehnte direkt und indirekt von „der Spinnerei“ abhängig war, deren Rhythmus unser Leben bestimmt, die unser Umfeld gestaltet und unseren Alltag begleitet hat, uns interessiert dieser historische Rückblick, und hoffent- lich auch unsere Kinder und Enkel. Die Spinnerei ist Teil vieler individueller Geschichten. Aber die 200 Jahre ihrer Existenz sind auch aufs engste mit der Entwicklung unseres Ortes und seiner Bewohner verbunden, und ich denke wir sind allen, die an dieser Ausstellung mitgearbeitet haben, zu großem Dank verpflichtet.

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