Gründung der Garnmanufaktur
Zitiert aus dem Heft der Sonderausstellung im Rothen Hof:
DIE POTTENDORFER SPINNEREI 1801 – 1976: Aufstieg – Glanz – Ende
(erhältlich im Heimatmuseum Rother Hof)
Die Gründung der K. K. privilegierten Pottendorfer Garnmanufaktur
Von Claudia Ham
Im Jahre 1801 ging von Franz Gundacker Fürst von Colloredo-Mannsfeld und Josef Fürst von Schwarzenberg als Oberdirektoren der „oktroyierten Commercial-, Leih- und Wechselbank“ in Wien die Initiative zur Einrichtung einer Baumwollspinnerei aus. Die Bank, 1787 gegründet, sah es als ihre Aufgabe an, durch Geldvorschüsse auf Leihpfänder zu billigen Zinsen dem Fabriks- und Handelsstand hilfreich zur Seite zu stehen. Die Bank und vor allem die beiden oben erwähnten Herren betrachteten daher die Errichtung einer Spinnerei auf Maschinen englischer Art als eine interessante Investition, zumal man von den nicht unbedeutenden Gewinnen der englischen Baumwollspinnerei gehört hatte, doch erwies es sich als außerordentlich schwierig, ein solches Vorhaben bei dem bestehenden Ausfuhrverbot der Engländer für Maschinen und deren Pläne durchzuführen. Auf dem ganzen Kontinent machte man sich daher nun auf die Suche nach einem geeigneten Mann, der über die technischen Kenntnisse verfügte, und fand ihn durch Vermittlung eines norddeutschen Fabrikanten – Johann Thornton aus Yorkshire, der sich damals gerade in Hamburg befand und für den Handelsmann G. Christoph Hansen eine Spinnerei einrichtete. Dort erhielt er auch das Angebot, eine Baumwollspinnerei auf Wiener Boden zu errichten. Thornton begab sich daraufhin nach Wien und schloß mit Colloredo-Mannsfeld und Schwarzenberg, die im Auftrag der Bank handelten, am 28. Jänner 1801 einen Vertrag auf die Dauer von 24 Jahren mit 50 Punkten. Diese verpflichteten Thornton unter anderem dazu, sich in Österreich niederzulassen und aus eigenen Mitteln und zu einem festgesetzten Preis 50 Maschinensätze, jeder bestehend aus fünf Kratzmaschinen zu je 20 Zoll englischer Breite, einem Ziehwerk, einer Vorspinnmaschine mit 50 Spulen, sieben Spinnmaschinen zu 180 Spindeln und zwei Haspeln, zu konstruieren. Des Weiteren hatte er für den Bau der erforderlichen Gebäude zu sorgen und den passenden Ort dafür auszuwählen und dann die Fabrik in Betrieb zu nehmen und als Leiter der Fabrikation vorzustehen. Als Gegenleistung wurde ihm nach Abzug von fünf Prozent für die Auslagen der Bank und sämtlicher Betriebsspesen ein Viertel des Reingewinns zugesichert. Außerdem erhielt er ein Privileg auf alle Spinnmaschinen, die innerhalb von zehn Jahren in Österreich erzeugt würden, die Befreiung vom Militärdienst für sich und seine Familie sowie etwaige sich ebenfalls zum Zweck der Baumwollerzeugung ansiedelnde Landsleute und die Bewilligung zur Errichtung einer Maschinenfabrik in Wien oder Umgebung.
Da sich die Geldmittel der Bank in der Folge für den Bau einer derart großen Garnmanufaktur als zu knapp erwiesen, wurde eine Gesellschaft finanzkräftiger Interessenten gegründet, deren Teilhaber sich die Finanzierung des Werks zum Ziel gesetzt hatten.
„Auf Grund des mit Herrn John Thornton abgeschlossenen Vertrages bildete sich unter den Auspizien der genannten Fürsten eine Gesellschaft aus 14 Teilnehmern, welche unter sich ein Präliminar-Übereinkommen zur Errichtung und zum Betrieb einer Baumwollspinnerei unter 15. Juni 1801 geschlossen haben, aus welchem sofort ein definitiver Fondationsvertag vom 1. Mai 1802 hervorging, welcher von 13 Teilnehmern für die Dauer von 30 Jahren geschlossen wurde.“ Diese Interessentengruppe nannte sich:
„k.k. privilegierte Garnmanufakturgesellschaft“
und hatte ihren Sitz in Wien. Ihr gehörten folgende Mitglieder an:
• Joseph Fürst von Schwarzenberg
1769 in Wien geboren, 1833 in Frauenberg gestorben, Ritter des Goldenen Vlieses, übernahm im Alter von 20 Jahren riesige Ländereien als Erbe, Aktionär und Oberdirektor der „oktroyierten Commercial-, Leih- und Wechselbank“
• Franz Gundacker Fürst von Colloredo-Mannsfeld
1731 in Wien geboren, 1807 in Wien gestorben, Reichshofrat, mit verschiedenen ausländischen Missionen betraut, Reichsvizekanzler, Oberdirektor der „oktroyierten Commercial-, Leih- und Wechselbank“
• Ferdinand Graf Colloredo-Mannsfeld
1777 in Wien geboren, 1848 in Schloß Stiebar bei Gresten gestorben, seit 1801 im diplomatischen Dienst, 1808 Privatier, 1809 Teilnahme an den Feldzügen gegen Napoleon, 1822 wieder im Staatsdienst, Abgeordneter des NÖ Herrenstandes, 1840 Präsident des Gewerbevereins
• Nikolaus Fürst Esterhäzy von Galantha 1765 geboren, 1833 in Como gestorben, Ritter des Goldenen Vlieses, zunächst militärische Laufbahn, dann im diplomatischen Dienst, wo er durch große Prachtentfaltung auffiel, einer der reichsten Männer seiner Zeit, Mäzen der Wissenschaften und der bildenden Künste, auch an industriellen Unternehmungen beteiligt, seit 1803 im Besitz der Herrschaft Pottendorf
• Carl Graf von Keglevics,
aus einem alten in Kroatien ansässigen Adelsgeschlecht
• Carl Graf von Spangen • Freiherr von Feltzc
• Joseph Freiherr v. Badenthai,
Inhaber d. Schwechater Kottonmanufaktur
• Rainer Franz von Thys
• Joseph HartI Edler von Luchsenstein
1760 in Wien geboren, 1822 in Wien gestorben, 1803 Regierungsrat, 1815 kaiserlicher Hofrat, bürgerlicher Herkunft, nach Studien kaiserlicher Hofagent, 1808 Direktor der beiden Hoftheater und des Theaters an der Wien
• Otto Frank und Co., Großhandelshaus
• Thaddäus von Berger
1774 in Wien geboren, 1842 in Penzing bei Wien gestorben, trat nach dem Gymnasium in das Geschäft seines Vaters (erste Seidenfabrik Österreichs) ein, 1800 Mitinhaber, 1806 Chef des Hauses, errichtete 1838 gemeinsam mit dem Baron von Sina in Pottendorf die erste bedeutende heimische maschinelle Hanf- und Flachsspinnerei, reger Anteil an der Errichtung der österreichischen Nationalbank, deren Direktor er 23 Jahre lang war.
Auf Thorntons Vorschlag hin wurde Pottendorf als Standort der neuen Fabrik gewählt. Die Flüsse Leitha und Fischa versprachen die nötige Wasserkraft, Fürst Esterházy sollte sich als wichtiger Förderer erweisen und während der Bauzeit der Fabrik sogar das Pottendorfer Schloß zum Bau und zur Aufstellung der Maschinen überlassen. Zudem waren die Bewohner Pottendorfs bereits mit dem Textilgewerbe vertraut. 1751 lassen sich sechs Tuchmacher, zwei Weber und ein Tuchwalker nachweisen. 1743 gab es 43 Weber mit neun Stühlen und einen Tuchwalker. Billige Arbeitskräfte aus Ungarn und der niedrige Preis der abzulösenden Grundstücke waren sicherlich weitere ausschlaggebende Gründe für die Wahl Pottendorfs.
Am 1. Mai 1802 kam es dann zum definitiven Fundationsvertrag mit 28 Paragraphen, der von 13 Teilhabern unterzeichnet wurde und laut dem die „oktroyierte Commercial-, Leih- und Wechselbank“ ihre gegen Johann Thornton erworbenen Rechte sowie das ihr verliehene Landesfabriksprivilegium an die oben erwähnte Gesellschaft übertrug. Folgende Bestimmungen waren in diesem Vertrag inkludiert:
• Die Gesellschaft soll in 20 Anteilen verteilt werden.
• Drei Interessenten sollen zu Direktoren gewählt werden, von denen immer zwei bei der Firma zeichnungsberechtigt sind – Freiherr von Badenthai, Franz Rainer von Thys und Joseph HartI Edler von Luchsenstein sollten die ersten Direktoren sein, gefolgt im Jahre 1807 von Johann Thornton selbst und 1808 von Thaddäus Berger
• Die Dauer des Vertrages wird auf 30 Jahre festgesetzt.
• Sobald die Fabrik in Gang gesetzt worden ist, soll den Direktoren eine Gebühr zuerkannt werden, deren Bemessung einem späteren Gesellschaftsbeschluß vorbehalten bleibt.
Damit stand dem Bau der Fabrik in Pottendorf nichts mehr im Wege.
Literatur:
Rudolf Hertzka, Chronik der Großgemeinde Pottendorf, Pottendorf 1989. Österreichisches Biographisches Lexikon, div. Bde.
Helga Seifert, Der Beginn der Großindustrie. Die Anfänge der „K. K. privilegierten Pottendorfer Garnmanufaktur-Gesellschaft“, Dipl. Arb., Wien 1983
Josef Szoldatits – Claudia Harn, K. K. privilegierte Garnmanufaktur-Gesellschaft Pottendorf. Gründung – Brand-Wiederaufbau. Kriegszerstörung und Schließung, Pottendorf 1993.
Constant Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, div. Bde.